Kosten & Leistungen der Psychotherapie

Deutschland ist eines der ganz wenigen Länder auf der Erde, das bei Vorliegen bestimmter Voraussetzungen (insbesondere: Störung mit Krankheitswert, Eignung der Psychotherapie zur Linderung, Heilung der Krankheit) die Kosten einer Psychotherapie vollständig bzw. im Rahmen bestimmter Stundenkontingente übernimmt. Das gilt allerdings so nur für die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV).

In der Privaten Krankenversicherung (PKV) ist das Bild völlig unübersichtliche. Je nach Krankenkasse und Vertrag übernehmen Privatkassen die Kosten vollständig (wie die GKV), partiell (mit begrenztem Stundenkontingent und/oder anteiligem Stundenhonorar) oder gar nicht. Zudem ist darauf zu achten, ob es Einschränkungen bei den für Psychotherapie zugelassenen Leistungserbringern gibt. In seltenen Fällen werden (absurderweise) Psychologische PsychotherapeutInnen und inder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen als BehandlerInnen nicht akzeptiert.

Schließlich können die Kosten auch selbst getragen werden (SelbstzahlerInnen). Angesichts der Höhe der Honorare (nach der Gebührenordnung für Psychologischen Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten-GOP, die sich an die Bestimmungen der Gebührenordnung für Ärzte-GOÄ anlehnt) ist das nur im Ausnahmefall möglich. Es gibt vereinzelt TherapeutInnen, die bereit sind, Therapiestunden auch zu deutlich geringeren Sätzen anzubieten.

Gesetzliche Krankenversicherung (GKV)

Vorbemerkung:

Mit dem 2 Quartal 2017 (ab 1.4.2017) haben sich eine Vielzahl von Veränderungen in der Psychotherapie ergeben.  Insbesondere wurde die Psychotherapierichtlinie geändert. Detaillierte Informationen finden Sie auf der Seite der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KVB): Strukturreform Psychotherapie (4/2017)

Leistungen und Kosten der Psychotherapie in der GKV

Telefonische Erreichbarkeit

Neu eingeführt wurde die verpflichtende telefonische Erreichbarkeit von PsychotherapeutInnen (in der GKV): Bei einem ganzen Praxissitz ist eine telefonische Erreichbarkeit von 200 (halber Kassensitz: 100) Minuten pro Woche, in Einheiten von mindestens 25 Minuten, sicherzustellen. Ein Anspruch auf Vergütung besteht (zum nachvollziehbaren Ärger der Kollegenschaft) nicht!

Psychotherapeutische Sprechstunde

Ebenfalls neu eingeführt wurde eine psychotherapeutische Sprechstunde zur diagnostischen Abklärung. Geklärt werden soll, ob ein Verdacht auf eine psychische Krankheit vorliegt und PatientInnen eine Psychotherapie benötigen oder ob ihnen mit anderen Unterstützungs- und Beratungsangeboten (z.B. Präventionsangebote, Ehe- und Familienberatungsstelle, Sozialpsychiatrischer Dienst) geholfen werden kann. Der Krankheitsfall umfasst das aktuelle und die drei darauffolgenden Quartale. Die Sprechstunden werden nicht auf die Therapiekontingente angerechnet; eine etwaige Behandlung kann auch bei einer/m anderen Psychotherapeutin/en erfolgen. Ab 1.4.2018 sind PsychotherapeutInnen verpflichtet, wöchentlich mindestens 100 Minuten für Sprechstunden zur Verfügung zu stellen (halber Praxissitz: mindestens 50 Minuten) und PatientInnen sind ab diesem Zeitpunkt verpflichtet, vor Beginn einer Behandlung mindestens eine Sprechstunde (Dauer 50 Min.) in Anspruch zu nehmen.

Akutbehandlung

Neu ist auch die Möglichkeit einer Akutbehandlung zur Besserung akuter psychischer Krisen (ggf. als Vorbereitung auf eine Psychotherapie oder übergangsweise bis zu einer teil- oder vollstationären Maßnahme: Einzeltherapie bis zu 24 x 25 Minuten im Krankheitsfall (= 4 Quartale); es besteht keine Gutachterpflicht (nur noch Anzeigepflicht gegenüber der Krankenkasse)

Terminservicestelle Psychotherapie

Die Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen vermitteln künftig Termine für die Sprechstunde und Akutbehandlungen. MitarbeiterInnen rufen dazu bei PsychotherapeutInnen zu den von ihnen an die jeweils zuständige KV gemeldeten telefonische Erreichbarkeit an und geben Termine an PatientInnen weiter.

Kurzzeittherapie

Die bisherige Kurzzeittherapie (25 Stunden bei Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie) wurde auch auf die analytische Psychotherapie ausgeweitet (auch wenn der Sinn dieser Leistung fraglich ist). Nunmehr sind zwei Antragsschritte (a 12 Stunden) vorgesehen; es besteht grundsätzlich keine Gutachterpflicht mehr (nur noch Anzeigepflicht gegenüber der Krankenkasse; Ausnahme: wenn innerhalb der letzten zwei Jahre bereits eine Psychotherapie stattgefunden hat). Vor Beginn einer Kurz- oder Langzeittherapie müssen mindestens zwei probatorische Sitzungen durchgeführt worden sein (Ausnahme: Akutbehandlung).

Langzeittherapie

Verändert hat sic, daß der erste Bewilligungsschritt entfällt damit gibt es statt drei nur noch zwei Bewilligungsschritten. Zudem sind die Kassen freu, ob bei der Verlängerung (2. Bewilligungsschritt) ein/e GutachterIn eingeschaltet wird (AOK: immer, bei vielen Betriebskrankenkassen nie)

 

1. Bewilligung (Stunden)

2. Bewilligung (Stunden)

Gesamt (Stunden)

VT

60 (E + KJ)

20 (E + KJ)

80

TP

60 (E) 

70 (K) 90 (KJ)

40 (E) 

80 (K) 90 (J)

100 (E) 

150 (K) 180 (J)

AP

160 (E) 

70 (K) 90 (KJ)

140 (E) 

80 (K) 90 (J)

300 (E) 

150 (K) 180 (J)

AP: Analytische Psychotherapie; TP: Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie; VT: Verhaltenstherapie

E: Erwachsene; KJ: Kinder und Jugendliche

Übersicht Ziffern/Vergütung

EBM

Beschreibung der Ziffer des Einheitlichen Bewertungsmaßstabs (EBM) - 3/2017

Punkte

(50 Min)

Euro

(50 Min)

35150

Probatorische Sitzung, 50 Minuten (E: 2-4 x 50 Min.; KJ: 2-6 x 50 Min.)

841

88,56 €

35151

Sprechstunde, 25 Minuten , Einheit 25/50 Min. (E: bis zu 6 = 150 Min.; KJ: bis zu 10 = 250 Min. im Krankheitsfall *)

841

88,56 €

35152

Akutbehandlung (E/KJ bis zu 24 x 25 Minuten im Krankheitsfall)

25 Minuten

50 Minuten

 

421

841

 

44,33

88,56 €

35401

Kurzzeittherapie TP 1 (Einzelbehandlung)

841

88,56 €

35402

Kurzzeittherapie TP 2 (Einzelbehandlung)

841

88,56 €

35405

Langzeittherapie TP (Einzelbehandlung)

841

88,56 €

35411

Kurzzeittherapie AP 1 (Einzelbehandlung)

841

88,56 €

35412

Kurzzeittherapie AP 2 (Einzelbehandlung)

841

88,56 €

35415

Langzeittherapie AP (Einzelbehandlung)

841

88,56 €

35421

Kurzzeittherapie VT 1 (Einzelbehandlung)

841

88,56 €

35422

Kurzzeittherapie VT 2 (Einzelbehandlung)

841

88,56 €

35225

Langzeittherapie VT (Einzelbehandlung)

841

88,56 €

EBM: Einheitlicher Bewertungsmaßstab: aktuelle online-Version der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV)

AP: Analytische Psychotherapie; TP: Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie; VT: Verhaltenstherapie

E: Erwachsene; KJ: Kinder und Jugendliche

* Der Krankheitsfall umfasst das aktuelle und die drei darauffolgenden Quartale


Übersicht der KBV zur Vergütung (Ziffern und Beträge): Stand 1.07.17


Anmerkung zur Vergütung: Derzeit erhalten gut ausgelastete Praxen zu (fast) jeder Leistung einen Strukturzuschlag (bei Einzeltherapie: 143 Punkte/15,06 Euro, bei Sprechstunde und Akutbehandlung: 72 Punkte/7,78); noch ist unklar, ob dieser Zuschlag den Praxen, die nicht voll ausgelastet sind vorenthalten bleiben kann. Eine Klage gegen den Strukturzuschlag in der gegenwärtigen Form vor den Bundessozialgericht ist eingereicht.

Anmerkung zum Thema Wartezeit (ab 1.4.2017): In der Fachöffentlichkeit (also unter PsychotherapeutInnen) kursiert noch immer die Ansicht, nach einer abgeschlossenen Therapie müsse grundsätzlich eine Wartezeit von zwei Jahren vor einer erneuten Antragstellung (Psychotherapie) eingehalten werden. Dies ist eindeutig falsch. Zwar muß (seit 1.4.17) der/die PatientIn auf dem Antrag an die Krankenkasse (PTV 1: Antrag des Versicherten auf Psychotherapie) bei einem Erstantrag ankreuzen, ob "vor dem jetzigen Antrag in den letzten 2 Jahren  bereits eine ambulante Psychotherapie durchgeführt" wurde. Das spielt jedoch nur insoweit eine Rolle, als aktuell eine Kurzzeittherapie durchgeführt werden soll: Für den Fall, daß dies innerhalb der Zweijahresfrist geschieht, ist in jedem Fall ein Bericht an die/den GutachterIn zu schreiben. Durch diese Regelung soll verhindert werden, daß Kurzzeittherapien, die nunmehr generell nicht mehr der Gutachterpflicht unterliegen, aneinandergereiht werden können (rechtliche Regelung: Psychotherapievereinbarungen § 11 Abs. 4).

Nach der bis zum 1.4.17 gültigen Regelung mußte das Ankreuzen durch die/den Psychotherapeutin/en auf Formblatt PTV 2 (Angaben des Therapeuten zum Antrag des Versicherten bzw. zum Bericht an den Gutachter) erfolgen.

Eine Beantragung einer weiteren Psychotherapie ist möglich, wenn eine Indikation (gemäß Abschnitt D 1 der Psychotherapie-Richtlinie) vorliegt und das Wirtschaftlichkeitsgebot des § 70 SGB V (ausreichend, zweckmäßig, das Maß des Notwendigen nicht überschreitend) beachtet wurde. Das hat die/der Psychotherapeut in seinem Bericht an die/den GutachterIn entsprechend darzulegen.

Privatkassen

Inwieweit psychotherapeutische Leistungen übernommen werden hängt von der jeweiligen Privatkasse und den im Versicherungsvertrag festgelegten Vereinbarungen ab. Werden psychotherapeutische Leistungen übernommen können in der Regel auch probatorische Sitzungen in Anspruch genommen werden. Die Kostensätze orientieren sich an der GOP (Gebührenordnung für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, die auf die entsprechenden Gebührensätze aus der Gebührenordnung für Ärzte - GOÄ verweist). Die nachstehende Tabelle enthält die für meine Praxis relevanten Gebührenordnungspositionen:

GOP/GOÄ

Leistungsbeschreibung

Punktzahl

1,0 (Euro)

2,3 (Euro)

1

Beratung – auch mittels Fernsprecher

80

4,66

10,72

3

Eingehende, das gewöhnliche Maß übersteigende Beratung (auch mittels Fernsprecher)

150

8,74

20,10

80

Schriftliche gutachterliche Äußerung

300

17,49

40,23

85

Schriftliche gutachterliche Äußerung mit einem das gewöhnliche Maß übersteigenden Aufwand (ggf. mit wissenschaftlicher Begründung- je angefangene Stunde Arbeitszeit

500

29,14

67,02

95

Schreibgebühr, je angefangene DIN A4-Seite

60

3,50

3,50

808

Einleitung oder Verlängerung der tiefenpsychologisch fundierten oder der analytischen Psychotherapie – einschließlich Antrag auf Feststellung der Leistungspflicht im Rahmen des Gutachterverfahrens

400

23,32

53,64

860

Erhebung einer biographischen Anamnese unter neurosenpsychologischen Gesichtspunkten mit schriftlichen Aufzeichnungen zur Einleitung und Indikationsstellung bei tiefenpsychologisch fundierter und analytischer Psychotherapie, auch in mehreren Sitzungen

920

53,62

123,33

861

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Einzelbehandlung, Dauer mindestens 50 Minuten

690

40,22

92,51

863

Analytische Psychotherapie, Einzelbehandlung; Dauer mindestens 50 Minuten

690

40,22

92,51

Die Berechnung des Honorar erfolgt (wie allgemein üblich) zum 2,3 fachen Satz und wird in aller Regel von den Privatkassen übernommen. Da Ausnahmen bestehen, sollten Sie sich unbedingt vorher bei Ihrer Krankenkasse erkundigen!

Anmerkung: Schon seit Jahren wird an einer neuen GOÄ gearbeitet, eine Neufassung liegt vor, wurde aber vom Vorstand der Bundsärztekammer gestoppt. Noch ist unklar, ob und wann es zu einer Reform kommt.

Beihilfe

Anmerkung: Da das System der Beihilfe in der Bevölkerung und auch in der Fachöffentlichkeit wenig bekannt ist, gehe ich nachfolgend nicht nur auf die Frage der Kosten ein.

BeamtInnen sind von der Versicherungspflicht in der GKV freigestellt (§ 6 Abs. 2 SGB V) und sind in einem eigenständigen, beamtenspezifischen Krankenversicherungssystem – der Beihilfe – versichert. Ausnahme: Vor der Verbeamtung in der GKV Versicherte können ihre Mitgliedschaft (als freiwilliges Mitglied) in der GKV weiterführen.

Anspruch auf Leistungen der Beihilfe haben auch die Familienmitgliedes (berücksichtigungsfähige Angehörige) der Versicherten. Die Beihilfe erfolgt anteilig: 50-80% der Krankheitskosten; keinen Anspruch haben Familienangehörige, die in der GKV versichert sind. Zur Abdeckung der nicht von der Beihilfe erstatteten Kosten kann eine (beihilfekonforme) private Krankenversicherung (zum sogenannten Prozenttarif) abgeschlossen werden.

Unterschiede zwischen Beihilfe und GKV bei Psychotherapie

Beihilfefähige Leistungen (hier: psychotherapeutische Sitzungen a 50 Minuten):

Erwachsene:

Verhaltenstherapie

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Analytische Psychotherapie

 

Einzel

Gruppe

 

Einzel

Gruppe

 

Einzel

Gruppe

Regelfall

45

45

Regelfall

50

40

Regelfall

80

40

Wird das Behandlungsziel nicht innerhalb der genannten Sitzungen erreicht

weitere
15

weitere
15

Besondere Fälle

weitere
30

weitere
20

Bei erneuter eingehender Begründung (TherapeutIn)

weitere
80

weitere
40

nur in besonders begründeten Ausnahmefällen

weitere
20

weitere
20

wird das Behandlungsziel nicht innerhalb der genannten Sitzungen erreicht

höchstens weitere
20

höchstens weitere
20

In besonderen Ausnahmefällen

weitere

80

weitere
40

 

 

 

 

 

 

Wenn das Behandlungsziel in den genannten Sitzungen erreicht wurde

Begrenzte
Behandlungs-
dauer von bis zu 60 weiteren Sitzungen

Begrenzte
Behandlungs-
dauer von bis zu 30 weiteren Sitzungen

Kinder:

Verhaltenstherapie

Tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie

 

Einzel

Gruppe

 

Einzel

Gruppe

Regelfall

50

40

Regelfall

70

40

wird das Behandlungsziel nicht innerhalb der genannten Sitzungen erreicht

weitere
20

weitere
20

Bei erneuter eingehender Begründung (TherapeutIn)

weitere
50

weitere
20

Nur in besonders begründeten Ausnahmefällen

weitere
20

weitere
20

In besonderen Ausnahmefällen

weitere
30

weitere
30

Jugendliche:

Verhaltenstherapie

Tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie

 

Einzel

Gruppe

 

Einzel

Gruppe

Regelfall

45

45

Regelfall

90

40

Wird das Behandlungsziel nicht innerhalb der genannten Sitzungen erreicht

weitere
15

weitere
15

bei erneuter eingehender Begründung (TherapeutIn)

weitere
50

weitere
20

Nur in besonders begründeten Ausnahmefällen

weitere
20

weitere
20

in besonderen Ausnahmefällen

weitere
40

weitere
30

Abkürzungen: EB = Einzelbehandlung; GB = Gruppenbehandlung

Quelle: Rüger, U. & Dahm, A. & Dieckmann, M. & Neher, M. (2008): Kommentar Psychotherapierichtlinien (Faber & Haarstrick). München: Urban & Fischer 10. Auflage, 183f

Die in der Beihilfe gültigen Formblätter zu psychotherapeutischen Leistungen finden sie auf der Webseite des Landesamts für Finanzen Bayern - Formularcenter Beihilfe www.lff.bayern.de.

Die Verordnung über Beihilfe in Krankheits-, Pflege und Geburtsfällen (Bundesbeihilfeverordnung - BBhV vom 13. Februar 2009, BGBl. I S. 326, zuletzt durch Artikel 1 der Verordnung vom 12. Dezember 2012 (BGBl. I S. 2657, 3009) geändert finden Sie nachfolgend: BBhV (Stand: Zuletzt geändert durch Art. 1 V v. 12.12.2012 I 2657, 3009)

Selbstzahler

Bei Selbstzahlern kann das Honorar im Rahmen der GOP/GOÄ (in bestimmten Grenzen) frei vereinbart werden, eine Minderung je nach wirtschaftlichen Verhältnisse ist möglich.

Einkünfte von PsychotherapeutInnen

Angesichts der in der Allgemeinheit oft unrealistischen Vorstellungen über das Einkommens ärztlicher und psychologischer PsychotherapeutInnen möchte ich nachfolgend einige Fakten zu diesem Thema darstellen:

Zunächst muß die privatärztliche Tätigkeit (Privatpraxis) von der vertragsärztlich Tätigkeit (vertragsärztliche Praxis mit und ohne PrivatpatientInnen) abgegrenzt werden. Statistische Zahlen über privatärztliche Einkünfte von ÄrztInnen und PsychotherapeutInnen sind mir nicht bekannt. Allerdings gibt es eine Erhebung des Statistischen Bundesamtes, die den Anteil der Einkünfte aus privatärztlicher Tätigkeit (bezogen auf den Zeitpunkt der Erhebung) für das Jahr 2011 (veröffentlicht im August 2013) angibt (Fachserie 2. Reihe 1.6.1).

Die Berechnung des Honorars für ärztliche (und damit auch psychotherapeutische Leistungen) erfolgt auf der Grundlage eines rechnerischen Wertes, der sogenannten Arztminute. Problem: Viele ärztliche Leistungen sind (im Unterschied zu psychotherapeutischen Leistungen) nicht an eine bestimmte Zeitvorgabe gekoppelt. Das bedeutet, je mehr Leistungen ÄrztInnen in einer Zeiteinheit (z. B. 50 Min.) erbringen (also je schneller sie arbeiten), desto höher ist ihr Verdienst. Bei PsychotherapeutInnen (nichtärztliche und ärztlich überwiegend psychotherapeutisch tätige KollegInnen) kann nur die entsprechende psychotherapeutische Zeiteinheit (50 Minuten) abgerechnet werden. Eine Leistungsausweitung ist hier nicht möglich.

Die Berechnung des festen Vergütungsbetrages erfolgt durch die Multiplikation des regionalen Punktwertes auf der Grundlage des bundesweiten Orientierungswertes (Bayern: 10,53 Cent - Stand 7/2017) mit den der (psychotherapeutischen) Leistung zugeordneten Punkten: Bei Einzeltherapie (50 Minuten) sind das in der Regel 811 Punkte (Stand 7/2017). Ermittlung des Eurobetrages: 0,1053 x 811 = 88,56.

Neuer Punktwert ab 2018 (Mitteilung der KBV v. 30.05.18): Der Orientierungswert für 2018 beträgt 10,6543 Cent (Steigerung: 1,18 %).

Im Unterschied zu ÄrztInnen unterliegen nichtärztliche PsychotherapeutInnen und überwiegend psychotherapeutisch tätige Ärzte bei der Honorierung (Bereich GKV) nicht der sogenannten Mengensteuerung (bei Überschreitung einer bestimmten Leistungsmenge werden die darüber hinausgehenden Leistungen zu einem abgestaffelten Preis vergütet); psychotherapeutische Leistungen werden aus der extrabudgetären Gesamtvergütung (EGV) finanziert und unterliegen daher nicht nicht der Abstaffelung bei Überschreiten bestimmter Leistungsmengen. Es gibt allerdings auch Leistungen, die von PsychotherapeutInnen erbracht werden, die nicht in den Bereich der extrabudgetären Gesamtvergütung fallen.

Zur Frage der unterschiedlichen Einkommen der verschiedenen Facharztgruppen: Schon seit Jahrzehnten haben es die die Kassenärztlichen Vereinigungen versäumt, die Gesamtvergütung so verteilen, daß es nach Anzug der Praxiskosten (!) zu einigermaßen gleichverteilten Einkommensverhältnissen kommt. Aus meiner Sicht verstoßen sie damit als Körperschaften des Öffentlichen Rechts gegen ihren Gewährleistungsauftrag: RadiologInnen erzielen einen durchschnittlichen Reinertrag, der etwa um den Faktor 2,5 höher ist als der von PsychiaterInnen und Psychologischen PsychotherapeutInnen!

Quellen:

Bundespsychotherapeutenkammer: BPtK-Faktenblatt Psychotherapeutische Versorgung (11.04.2017)

Pressestelle des GKV-Spitzenverbands (28.04.2015): Faktenblatt Thema Ambulante Versorgung - Systematik Ärztehonorare

Statistisches Bundesamt (2013): Unternehmen und Arbeitsstätten. Kostenstruktur bei Arzt- und Zahnarztpraxen, Praxen von psychologischen Psychotherapeuten sowie Tierarztpraxen. Erhebungsjahr 2011 (Fachserie 2. Reihe 1.6.1).



Archiv: Früher geltende Regelungen in der GKV

Die Kosten für die Vorgespräche werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen:

Gleiches gilt für für die psychotherapeutischen Sitzungen (Voraussetzung ist das Vorliegen eines Anerkennungsbescheids Ihrer Krankenkasse), die Vergütung erfolgt nach dem EBM (Einheitlicher Bewertungsmaßstab für ärztliche Leistungen):

Der Stundensatz liegt seit 2009 bundesweit und einheitlich für alle KK bei 81,20 Euro (Beschluß des Erweiterten Bewertungsausschusses v. 23.10.2008). Die Berechnung des (nunmehr festen Vergütungsbetrages) erfolgt durch die Multiplikation des Punktwertes (3,5048 Cent - Stand 2010/2011) mit den der (psychotherapeutischen Leistung zugeordneten Punkten, bei Einzeltherapie in der Regel 2315 Punkte - Stand 20010/2011).

Anmerkung 4/2013: Der Punktwert (genauer der Orientierungspunktwert wurde 2013 um 0,9 % angehoben: 3,5363 Cent - kann allerdings regional unterschiedlich ausfallen); damit steigt die Vergütung von Psychotherapiesitzungen (Einzelbehandlung) auf 81,87 Euro.

Anmerkung 9/2013: Der Punktwert wurde aus technischen Gründen geändert (angeblich leichter rechenbar) und beträgt nun 10 Cent; im Gegenzug (damit die Kostenneutralität gesichert ist) würde die Punktzahl der genehmigungspflichtigen psychotherapeutischen Leistungen (35200, 35201, 35210 etc.) entsprechend reduziert: 818,7 Punkte.

Eine ärztliche Überweisung ist nicht notwendig. Lediglich für den Fall, daß die Praxisgebühr im laufenden Quartal bereits einmal entrichtet wurde, ist ein Überweisungsschein zur Vermeidung einer erneuten Zahlung sinnvoll. Wurde die Praxisgebühr im laufenden Quartal noch nicht entrichtet, wird sie bei der ersten Sitzung in meiner Praxis fällig. Die von mir ausgestellte Quittung (10 Euro) gilt als einmalige Überweisung beim nächsten Arztbesuch (dort können dann ggf. weitere Überweisungen ausgestellt werden).

Anmerkung 4/2013: Die Praxisgebühr ist ab dem 1. Quartal 2013 ersatzlos weggefallen!

Anmerkung 1/2014: Psychotherapeutische Leistungen werden ab dem 1. Quartal 2013 extrabudgetär, also direkt von den Krankenkassen vergütet - und nicht wie bisher im Rahmen der mengenbegrenzten Gesamtvergütung für die Facharztgruppen von der leweiligen KV verteilt (darunter fallen sowohl die genehmigungspflichtigen Leistungen als auch die probatorischen Sitzungen).

Ab 2014 wird der Orientierungspunktwert auf 10,12 Cent abgehoben (auch extrabudgetäre Leistungen), muß aber noch von den Vertragspartnern in den jeweiligen KV-Bereichen bestätigt bzw. bestimmt werden (voraussichtlich steigt die Stundenvergütung auf 82,85 Euro); Quelle MR DGPT 4/2013.

Anmerkung 10/2014: KVB 2014: Orientierungspunktwert auf 10,13 Cent (Stundenvergütung 819 Punkt, entspricht 82,96 Euro); www.kvb.de: Übersicht EBM-Gebührenordnungspositionen, Stand 1.10.2014

Anmerkung 12/2015: Aufgrund der Beschlüsse des Erweiterten Bewertungsausschusses (EBA) wurden die Honorare rückwirkend um 2,7 % erhöht. Aber Achtung: Nicht der Orientierungspunktwert, sondern die Punkte steigen:

GOP

Kurztext

Punkte

4/2015

Euro

4/2015

35200

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (Kurzzeittherapie, Einzelbehandlung)

841

86,39 €

35201

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (Langzeittherapie, Einzelbehandlung)

841

86,39 €

35202

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (Kurzzeittherapie, Gruppenbehandlung, große Gruppe)

418

42,94 €

35203

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (Langzeittherapie, Gruppenbehandlung,

große Gruppe)

418

42,94 €

35205

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (Kurzzeittherapie, Gruppenbehandlung,

kleine Gruppe)

836

85,87 €

35208

Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (Langzeittherapie, Gruppenbehandlung,

kleine Gruppe)

836

85,87 €

35210

Analytische Psychotherapie (Einzelbehandlung)

841

86,39 €

35211

Analytische Psychotherapie (Gruppenbehandlung, große Gruppe)

418

42,94 €

35212

Analytische Psychotherapie (Gruppenbehandlung, kleine Gruppe)

836

85,87 €

35220

Verhaltenstherapie (Kurzzeittherapie, Einzelbehandlung)

841

86,39 €

35221

Verhaltenstherapie (Langzeittherapie, Einzelbehandlung)

841

86,39 €

35222

Verhaltenstherapie (Kurzzeittherapie, kleine Gruppe)

418

42,94 €

35223

Verhaltenstherapie (Langzeittherapie, kleine Gruppe)

418

42,94 €

35224

Verhaltenstherapie (Kurzzeittherapie, große Gruppe)

211

21,67 €

35225

Verhaltenstherapie (Langzeittherapie, große Gruppe)

211

21,67 €

Zusätzlich ist werden PraxisinhaberInnen ab einer bestimmten Auslastungsgrenze (über 50%) einen Strukturzuschlag erhalten (in der Höhe von ca. 15 €) mit dem das Stundenhonorar dann etwa 100 Euro liegen wird. Da der Beschluß des Erweiterten Bewertungsausschusses (EBA) viele Unstimmigkeiten ausweist, sind bereits Musterklagen eingereicht worden.

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Praxis für Psychoanalyse und Psychotherapie - Dr. Jürgen Thorwart

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