Psyche & Krankheit

Vorbemerkung: Die Begriffe Psyche und Seele werden nachfolgend (wie auch im allgemeinen Sprachgebrauch) synonym verwandt.

Das Verständnis von Krankheit im Sozialrecht

Definition von Gesundheit: Weltgesundheitsorganisation WHO

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Begriff der Gesundheit 1948 so definiert: "Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen".

Bei der 63. Regionalkonferenz des WHO-Regionalkomitees für Europa (Çeşme  - Provinz Izmir/Türkei vom 16.–19. September 2013) wurde folgende Definition veröffentlicht:

Psychische Gesundheit ist ein Zustand des Wohlbefindens, in dem eine Person ihre Fähigkeiten ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen bewältigen, produktiv arbeiten und etwas zu ihrer Gemeinschaft beitragen kann.

Definition von Krankheit BSG:

Das Bundessozialgericht (BSG) hat in seinem Urteil v. 16.05.1972 Krankheit im Sozialrecht (SGB) und damit auch in der gesetzlichen Krankenversicherung als "regelwidrigen, körperlichen, geistigen oder seelischen Zustand der Arbeitsunfähigkeit oder Behandlung oder beides nötig macht" definiert.

Definition von Krankheit in der Psychotherapierichtlinie (Stand: 2/2017)

Die Psychotherapierichtlinie ist als nähere Ausgestaltung des Sozialrechts zu verstehen: Das Verständnis von Krankheit wird in § 2 folgendermaßen formuliert:

"In diesen Richtlinien wird seelische Krankheit verstanden als krankhafte Störung der Wahrnehmung, des Verhaltens, der Erlebnisverarbeitung, der sozialen Beziehungen und der Körperfunktionen. Es gehört zum Wesen dieser Störungen, dass sie der willentlichen Steuerung durch die Patienten oder den Patienten nicht mehr oder nur zum Teil zugänglich sind." (§ 2 Abs. 1)

Krankheit bzw. "seelische Krankheit" kann nach der Richtlinie in Form

zum Ausdruck kommen bzw. erkennbar werden, "denen aktuelle Krisen seelischen Geschehens, aber auch pathologische Veränderungen seelischer Strukturen zugrunde liegen können" (§ 2, Abs. 2). Seelische Strukturen werden dabei "als die anlagemäßig disponierenden und lebensgeschichtlich erworbenen Grundlagen seelischen Geschehens, das direkt beobachtbar oder indirekt erschließbar ist" verstanden (§ 2, Abs. 3).

"Auch Beziehungsstörungen können Ausdruck von Krankheit sein; sie sind für sich allein nicht schon Krankheit im Sinne dieser Richtlinien, sondern können nur dann als seelische Krankheit gelten, wenn ihre ursächliche Verknüpfung mit einer krankhaften Veränderung des seelischen oder körperlichen Zustandes eines Menschen nachgewiesen wurde." (§ 2, Abs. 4)

Die Richtlinie unterscheidet zwischen seelischer Krankheit  und ihrer Symptomatik, die einerseits durch seelische, andererseits durch körperliche Faktoren verursacht sein kann, oder auch durch eine Mischung beider Faktoren. Deshalb ist vor jeder psychotherapeutischen Behandlung eine diagnostische Untersuchung hinsichtlich psycho-somatischer und somato-psychischer Zusammenhänge durchzuführen (bei nichtärztlichen PsychotherapeutInnen ist ein Konsiliarbericht zum körperlichen Befund durch eine/n Ärztin/Arzt zu erstellen (vgl. Rüger & Dahm & Dieckmann & Neher 2015: 36f).

Nur soweit und solange eine seelische Krankheit vorliegt kann Psychotherapie im Rahmen der Richtlinie (also in Form einer vertragsärztlichen Behandlung in der gesetzlichen Krankenversicherung) erbracht werden. Die Feststellung einer seelischen Erkrankung durch die behandelnden PsychotherapeutInnen ist daher unabdingbare (wenn auch nicht hinreichende) Voraussetzung einer Richtlinien-Behandlung (§§ 1 und 2).

Psychotherapeutische Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung können nicht erbracht werden, wenn diese nicht dem Erkennen einer Krankheit, der Heilung, der Verhütung der Verschlimmerung oder Linderung einer Krankheit dient  Dies gilt ebenso bei:

Anmerkungen zum Krankheitsbegriff der Psychotherapie-Richtlinie:

Die Richtlinie verstehen Krankheit ausdrücklich nicht als Beschreibung eines oder mehrerer Symptomen (Syndrom), sondern als einen ätiologisch verursachten Prozeß, der von einer Veränderung des seelischen oder körperlichen Zustandes infolge aktueller Krisen oder pathologische Veränderungen seelischer Strukturen (anlagemäßige Dispositionen und lebensgeschichtlich erworbene Strukturen) bestimmt ist. Dessen ungeachtet erfolgt die Feststellung psychischer (psychosomatischer und körperlicher) Erkrankungen im Rahmen der Internationalen Klassifikation ICD 10, Kapitel V (F): Psychische Störungen. Dort werden jedoch ausschließlich Symptome beschrieben und in nosologischen Einheiten klassifiziert. Auch aus diesem Grund wurde für die beiden Richtlinienverfahren tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie von einem für diese Verfahren qualifizierten Expertengremium eine operationalisierte psychodynamische Diagnostik (OPD) entwickelt. Diese orientiert sich am ICD-Modell, ergänzt es jedoch um psychodynamisch relevante diagnostische Achsen. In der zweiten Fassung (OPD 2) werden auch therapeutische Prozesse, Ressourcen von PatientInnen und die Therapieplanung durch die Bestimmung von Therapieschwerpunkten erfaßt.

Literatur:

Arbeitskreis OPD [Hg.] (1996): Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD). Grundlagen und Manual. Bern: Huber

Arbeitskreis OPD [Hg.] (2006): Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik OPD-2. Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung. Bern: Huber

 DIMDI Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information (Köln): ICD-10-GM (Version für Deutschland 2017)

Rüger, U. & Dahm, A. & Dieckmann, M. & Neher, M. [Hg.] (2015): Kommentar Psychotherapie-Richtlinien (Faber & Haarstrick). München: Urban & Fischer, 10. Auflage 2015

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Praxis für Psychoanalyse und Psychotherapie - Dr. Jürgen Thorwart

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