Zitate zur und über die Psychoanalyse

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Behandlungstechnik

Freud has outlined a set of rules for various phases of ‘structural psychotherapy” in his technical writings. He never insisted that all those rules are to be strictly followed. He considered only a few of them indispensable, such as the advice not to take notes during the analytic interview. Every analyst is entitled to change those technical suggestions in accordance with his experience if he can demonstrate clinically that his innovation will lead to a structural change of the patient’s personality.

(…)

Hence, it can be said that any technique whether it uses a couch or not, whether it requires daily or infrequent interviews, is a psychoanalytic therapy if by use of valid psychotherapeutic tools it aims at, or results in, structural changes of the personality.

Übersetzung (J. T.)

Freud hat in seinen technischen Schriften eine Reihe von Regeln für verschiedene Phasen der "strukturellen Psychotherapie" skizziert. Er hat nie darauf bestanden, daß all diese Regeln strikt eingehalten werden. Er hielt nur einige von ihnen für unverzichtbar, wie den Rat, während des analytischen Interviews keine Notizen zu machen. Jeder Analytiker ist berechtigt, diese technischen Vorschläge entsprechend seiner Erfahrung zu ändern, wenn er klinisch nachweisen kann, dass seine Innovation zu einer strukturellen Veränderung der Persönlichkeit des Patienten führt.

(…)

Daher kann gesagt werden, dass jede Technik, ob sie eine Couch benutzt oder nicht, ob sie tägliche oder unregelmäßige Interviews erfordert, eine psychoanalytische Therapie ist, wenn sie unter Verwendung gültiger psychotherapeutischer Mittel strukturelle Veränderungen der Persönlichkeit anstrebt oder erreicht.

Eissler, K. R (1950): The Chicago Institut of Psychoanalysis and the sixth Period of Development of Psychoanalytic Technique. The Journal of General Psychology, 1950 (42): 103-157 (116)


Ethik

Diese Kollegen, die der Sonne auf ihrem Höhenflug blinder Allmachtsphantasien zu nahe gekommen sind und sich dabei versengt und entehrt haben, sind uns viel ähnlicher, als uns lieb sein mag.

Gabbard, G. O. (2007 [2003]): Mißlungene psychoanalytische Behandlung suizidaler Patienten. In: Zwettler-Otte S (Hrsg.) Entgleisungen in der Psychoanalyse. V&R: Göttingen, 119–142, S. 121


Ethik

The patient has every right to try to seduce the analyst. The analyst has no right to allow himself to be seduced.

Der Patient hat jedes Recht seinen Analytiker zu verführen. Der Analytiker hat kein Recht sich zu erlauben, sich verführen zu lassen. (Übersetzung JT)

Joseph, B. (2001; persönliche Mitteilung) zit. nach Gabbard, G. O. (2007): Boundaries and Boundary Violations in Psychoanalysis, Second Edition. Arlington: American Psychiatric Association Publishing (Second edition): 69

online: google books


Lehranalyse & 'durchanalysierter' PsychoanalytikerIn

Meine Ausführungen wollen vor allem dem gegenüber herausstellen, daß jenseits von Gegenübertragung im nur technischen Sinne, sowie jenseits der durch die eigene Lehranalyse erreichten Lösung eigener Problematik jeder Mensch - auch der bestanalysierte Analytiker Struktureigentümlichkeiten aufweist, die nicht wegzunalysieren sind, auch wenn jemand noch so »durchanalysiert« wird. Wir haben eine Eigenstruktur, die zu uns gehört, eine »persönliche Gleichung«, einen individuellen »Faktor X«, den wegzuleugnen einer Verdrängung gleichkäme.

Riemann, F. (1964): Die Struktur des Analytikers und ihr Einfluß auf den Behandlungsverlauf. In: Grundformen helfender Partnerschaft. Stuttgart: Klett-Cotta, 9. Auflage 2004: 122


Macht

Jeder, der sie [die Psychoanalyse] ausübt, muß die eigenen Machtgelüste kennen, das narzißtische Bedürfnis, Macht über andere auszuüben, und seine eigenen Allmachtsansprüche aus dem Unbewußten, muß diese bei seinen Analysanden wahrnehmen und vor allem durchschauen, wenn sich aus der Übertragung auf seine Person die Verführung ergibt, eine aggressive, auch narzißtisch befriedigende Macht über den Analysanden auszuüben. (...)

In den Analysen besteht die größte Versuchung zur blinden Ausübung von Macht im Rahmen der sogenannten positiven Gegenübertragung. Der Wunsch, Analysanden rasch von quälenden Symptomen zu befreien, ein gestörtes Verhältnis zu Beziehungspersonen, zur Arbeits- und Berufswelt zu normalisieren, mag beim Analytiker zur Bestechung seines Überichs und zur Skotomisierung seiner Machtansprüche einschließlich seines Allmachtswunsches, alles zu heilen, beitragen. Er wird dann nichts anderes leisten als Eltern, »die immer das Beste gewollt« haben, und wird Gefahr laufen, den analytischen Prozeß zu stören, um Anpassung an eigene Erwartungen — einschließlich sozialer Anpassung — zu erzielen.

Parin, P & Parin-Matthèy, G. (1983): Das obligat unglückliche Verhältnis der Psychoanalytiker zur Macht. In: Lohmann, Hans-Martin (Hrsg.): Das Unbehagen in der Psychoanalyse. Frankfurt/Main: Qumran, 17-23 (Zitat: 18)


Nationalsozialimus 1

All Jews have to resign from Berlin Society. Deplorable as it would be, I should still say, that I prefer Psycho-Analysis should be practiced by Gentiles in Germany than not at all, and I hope you agree.

Jones , E. (1935): Brief an Anna Freud v. 11.11.1935.

Alle Juden müssen aus der Berliner Gesellschaft austreten. So bedauerlich das auch wäre, meine ich dennoch, daß ich es vorziehe, daß die Psychoanalyse von Nichtjuden in Deutschland praktiziert wird, als überhaupt nicht, und ich hoffe, Du stimmst dem zu (Übersetzung JT)

Anmerkung:

Am 10. Mai 1933 wurden in Berlin (Opernplatz) auch die Bücher von Sigmund & Anna Freud, Siegfried Bernfels und Wilhelm Reich verbrannt.

1935 wurden die jüdischen PsychoanalytikerInnen angesichts der antisemitischen und totalitären Verordnungen der Nationalsozialisten von ihren nichtjüdischen KollegInnen veranlaßt, 'freiwillig' aus der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung auszutreten. Auch Sigmund und Anna Freud und andere namhaften PsychoanalytikerInnen fielen (anders als Reich, Fenichel und ???) nicht durch Kritik an dieser und anderen Maßnahme oder durch Solidaritätsbekundungen für die jüdischen PsychoanalytikerInnen in Deutschland auf.

Literaturauswahl:

Peglau, A. (2013): Unpolitische Wissenschaft? Wilhelm Reich und die Psychoanalyse im Nationalsozialismus. Gießen: Psychosozialverlag

Lockott

 

Zepf, S. & Seel, D. (2019): Psychoanalyse und politische Ökonomie. Kritik der psychoanalytischen Praxis und Ausbildung. Gießen: Psychosozialverlag


Nationalsozialimus 2

Freud und AdIer haben den Schatten, der alle begleitet, sehr deutlich gesehen. Die Juden haben diese Eigentümlichkeit mit den Frauen gemein; als die physisch Schwächeren müssen sie auf die Lücken in der Rüstung des Gegners zielen, und wegen dieser, durch jahrhundertelange Geschichte aufgezwungenen Technik, sind die Juden selber dort, wo andere am verwundbarsten sind, am besten gedeckt. infolge ihrer mehr als doppelt so alten Kultur sind sie sich der menschlichen Schwächen und Schattenseiten in viel höherem Maße bewußt als wir und darum in dieser Hinsicht viel weniger verwundbar. Auch haben sie es dem Erlebnis der antiken Kultur zu verdanken, daß es ihnen möglich ist, mit vollem Bewußtsein in wohlwollender, freundlicher und duldsamer Nachbarschaft ihrer eigenen Untugenden zu leben, während wir noch zu jung sind, um keine »Illusionen« über uns zu haben.

(...)

Der Jude als relativer Nomade hat nie und wird voraussichtlich auch nie eine eigene Kulturform schaffen, da alle seine Instinkte und Begabungen ein mehr oder weniger zivilisiertes Wirtsvolk zu ihrer Entfaltung voraussetzen. Die jüdische Rasse als Ganzes besitzt daher nach meiner Erfahrung ein Unbewußtes, das sich mit dem arischen nur bedingt vergleichen läßt. (…). Das arische Unbewußte hat ein höheres Potential als das jüdische (…). Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler der bisherigen medizinischen Psychologie gewesen, dass sie jüdische Kategorien, die nicht einmal für alle Juden verbindlich sind, unbesehen auf den christlichen Germanen oder Slawen verwandte. Damit hat sie nämlich das kostbarste Geheimnis des germanischen Menschen, seinen schöpferischen ahnungsvollen Seelengrund als kindisch-banalen Sumpf erklärt, während meine warnende Stimme durch Jahrzehnte des Antisemitismus verdächtigt wurde. Diese Verdächtigung ist von Freud ausgegangen. Er kannte die germanische Seele nicht, so wenig wie alle seine germanischen Nachbeter sie kannten. Hat sie die gewaltige Erscheinung des Nationalsozialismus, auf den eine ganze Welt mit erstaunten Augen blickt, eines Besseren belehrt? Wo war die unerhörte Spannung und Wucht, als es noch keinen Nationalsozialismus gab? Sie lag verborgen in der germanischen Seele, in jenem tiefen Grunde, der alles andere ist als der Kehrichtkübel unerfüllbarer Kinderwünsche und unerledigter Familienressentiments.

Jung C. G. (1934): Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie. Zentralblatt für Psychotherapie (hg. v. C. G. Jung) 7: 8f; online: https://archive.org/


Nationalsozialimus 3

Die deutschen Psychoanalytiker wünschen sich, daß ihnen die nationalsozialistische Regierung wohlwollend eine fruchtbare Fortsetzung ihrer wissenschaftlichen und therapeutischen Arbeit sichern möge. Sie wünschen sich das um so mehr, als seit dem nationalsozialistischen Regime für die Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft in ganz anderem Umfang die Voraussetzungen dafür geschaffen waren, der Gesellschaft ein wirklich deutsches Gesicht geben zu können (...). Vor allem glauben wir, daß wir Wertvolles für das Ziel einer ›deutschen Psychotherapie‹ beizusteuern vermögen.

Müller- Braunschweig, C. (1935): Nationalsozialistische Idee und Psychoanalyse. Typoscript. IN: Brecht, K.& Freidrich, V. & Hermanns, L. M. & Kaminer, I. J. & Juelich, H. (2006): »Hier geht das Leben auf eine sehr merkwürdige Weise weiter …« - Zur Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Hamburg: Kellner: 167


Nationalsozialimus 4

... unfähige Weichlinge zu lebenstüchtigen Menschen (zu machen) ... liebesunfähigeund egoistische Menschen zu liebes- und opferfähigen, am ganzen des LebensUninteressierte zu Dienern am Ganzen umzuformen. Dadurch leistet sie eine hervorra-gende Erziehungsarbeit und vermag den gerade jetzt neu herausgestellten Linien einerheroischen, realitätszugewandten, aufbauenden Lebens- und Weltauffassung wertvoll zudienen" (S. 97)

Müller- Braunschweig, C. (1934): Reichswart: 97


Nationalsozialimus 5

Wenn nun die Umwelt, in der Analyse unternommen werden soll, allzu sehr der Strenge, der ursprünglich drohenden Umwelt nahe kommt - oder sie sogar übertrifft -, dann ist es für den armen Analysanden unmöglich, die befreiende Entdeckung zu machen, daß die ursprünglichen Drohungen ihre Macht verloren haben ... Ein Analytiker würde sich selbst und seinen Analysanden täuschen und gefährden, wenn er so tun würde, als wenn jetzt alles frei durchdacht und frei erörtert werden könnte ... Wer kann in einer solchen Umwelt beweisen, daß Gedanken nicht zu Taten führen?

Kamm, ?. (1935): Brief an R. Lockot, zit. n. Brecht et al. 1985, S. 164)

Anmerkung: ? Kamm war der einzige Nichtjude, der 1935 die DPG verließ und emigrierte.


Selbstanalyse - selbstanalytisches Element

Seit langen habe ich das Gefühl, daß in unserem Leben als Psychoanalytiker etwas Entscheidendes fehlt. (...) Ich meine das selbstanalytische Element, das ich von der Selbstanalyse im engeren Sinne abgrenzen möchte. (...)

Ich denke, es ist uns nicht gelungen, die umfassende Entwicklung einer psychoanalytischen Sensibilität in uns zuzulassen, die uns selbst als belebte Objekte ins Feld des Analysierbaren mit einbezieht. Wir haben die Freude daran verloren, uns von uns selbst verblüffen zu lassen und von einem bestimmten inneren Zustand Gebrauch zu machen, um jene Fähigkeit wachzuhalten, die Freud entwickelte, als er mit seiner Selbstanalyse begann.

Bollas, C. (1997 [1987]). Der Schatten des Objekts. Das ungedachte Bekannte. Zur Psychoanalyse der frühen Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta, 2. Auflage 2005: 245-247


Unbewußte, das

Die Annäherung an das Unbewußte – das heißt an das, was wir nicht wissen, nicht an das, was wir wissen – ist für den Patienten und den Analytiker zweifellos verstörend. Jeder, der morgen einen Patienten sehen wird, sollte irgendwann Angst verspüren. Im Behandlungszimmer sollten sich grundsätzlich zwei verängstigte Personen aufhalten: der Patient und der Psychoanalytiker. Andernfalls muß man sich fragen, weshalb sie etwas herausfinden wollen, das ohnehin jeder weiß.

Sich mit vertrauten Dingen zu beschäftigen ist immer verlockend. Für Psychoanalytiker ist diese Versuchung größer als für andere Menschen, weil die Psychoanalyse eine der seltenen Situationen ist, in denen man sich einer angsterregenden Beschäftigung widmen kann, ohne auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen.

Bion, W. R. (2010 [1973-74]): Die Brasilianischen Vorträge: Frankfurt/M.: edition diskord: 15


Unbewußte, das & Zweifel

Es gibt bei beiden einen nicht zugelassenen Zweifel; beim Pfarrer bezieht er sich auf Gott, bei den Psychoanalytikern auf das Unbewusste. Offiziell glaubt der Pfarrer an Gott, sonst könnte er seine Aufgabe nicht erfüllen; in gleicher Weise glaubt der Psychoanalytiker offiziell an das Unbewusste und daran, dass es gilt, das Unbewusste aufzudecken. Ich habe aber beobachtet, dass es viele Analytiker gibt, die nicht wirklich daran glauben, sondern es nur vorgeben, weil sie sonst keine Patienten haben könnten. Sie fühlen sich auch der psychoanalytischen Schule zugehörig, in der sie ausgebildet wurden. Sie sind wie die Pfarrer, die an Gott zu glauben vorgeben, weil sie sonst aus ihrer Glaubensgemeinschaft herausfliegen würden. Beiden ist gemeinsam, dass es in Wirklichkeit eine Menge Unglauben, Zweifel und Doppelzüngigkeit gibt und dass sie sich aus dem ganzen Problem mit allen möglichen Rationalisierungen herauszuwinden versuchen.

Noch etwas haben Psychoanalytiker und Pfarrer gemeinsam. Beide haben beständig ein furchtbares Schuldgefühl, weil sie sich selbst betrügen, wenn sie nicht wirklich alles glauben, was sie sagen; der Psychoanalytiker betrügt seinen Patienten, wenn er heimlich denkt, er sei viel kränker als der Patient und es werde mit ihm selbst nie besser; zum anderen lügt er, wenn er dieses Unbewusste noch nie erlebt hat und doch weiterhin von der Lehre vom Unbewussten und über die Heilung durch das Aufdecken des Unbewussten "predigt".

Fromm, E. (1959 [1992g]): Das Unbewusste und die psychoanalytische Praxis (Dealing with the Unconscious in Psychotherapeutic Practice). Gesamtausgabe (12 Bände; hrsg. von Reiner Funk). München: Deutsche Verlags-Anstalt 1999. Band XII: 231f


Voyeurismus

Jede, auch die wissenschaftliche Neugier wird von infantilen, voyeuristischen Regungen getragen; in den Wunsch zu helfen können sich magische Allmachtswünsche einfügen; sogar der unerläßliche Wunsch, den Analysanden zu verstehen, ist ohne eine emotionale Beteiligung nicht möglich, in die unbewusste sexuelle Regungen eingehen.

Parin, P. (1987): Abstinenz? In: Brede, Karola et al. (Hrsg.): Befreiung zum Widerstand. Aufsätze zu Feminismus, Psychoanalyse und Politik. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 172-178 (Zitat: 174)


 

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Praxis für Psychoanalyse und Psychotherapie - Dr. Jürgen Thorwart

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